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Können externe Evaluationen die Geschlechtervielfalt und -gerechtigkeit wirksam fördern?



Externe Evaluationsausschüsse sollten eine neutrale und unvoreingenommene Bewertung der Strategien und Prozesse in den von ihnen überprüften Institutionen vornehmen. Für eine wirksame Umsetzung der Empfehlungen des Ausschusses sind sowohl eine Rechenschaftspflicht in den nachfolgenden Evaluierungszyklen als auch ein ernsthaftes Engagement der institutionellen Führung erforderlich.  

In der letzten Evaluation des ETH-Bereichs im Jahr 2019 hat die Expert:innenkommission in drei ihrer zweiundzwanzig Empfehlungen auf Diversitätsfragen hingewiesen. In der «Empfehlung 7: Gewinnung von Frauen für MINT-Disziplinen» forderte die Kommission die «Institutionen des ETH-Bereichs, insbesondere die ETHZ und die EPFL auf, eine «für Frauen attraktive Kultur und ein Umfeld zu schaffen», um «den Unterschied bei der Rekrutierung, Bindung und Förderung von Frauen in technischen Bereichen zu machen».[1] Welche Fortschritte hat der ETH-Bereich auf dem Weg zu diesem Ziel gemacht?

 

Die kurze Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Die Statistiken zur Geschlechtervielfalt, die der ETH-Bereich in seinen Jahresberichten[2] ausweist, sind weder ausreichend transparent noch detailliert genug, um Verbesserungen zu beurteilen, insbesondere bzgl. den Verbleib und die Beförderung von Frauen. Die Aggregation der Zahlen ordentlicher und ausserordentlicher Professor:innen in den Jahresberichten macht es beispielsweise unmöglich, die Beförderungsraten von Männern und Frauen von ausserordentlichen zu ordentlichen Professuren zu vergleichen. Der für 2021 ausgewiesene Frauenanteil bei den Neuberufungen (46,2 %) unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Rängen oder zwischen Tenure-Track- und Non-Tenure-Track-Ernennungen von Assistenzprofessor:Innen. Die jüngsten Daten, die der ETH-Rat im Dezember veröffentlicht hat, zeigen für 2022 einen Rückgang des Frauenanteils bei den Neueinstellungen auf 41,7%.[3] Ausserdem besteht keine Transparenz bezüglich der Verlängerung von Professuren über das Pensionsalter hinaus.[4]

 

Statistiken zur Repräsentation, selbst wenn sie vollständig wären, würden nur einen Teil der Geschichte erzählen. Welche Erfahrungen machen die Frauen als Professorinnen an der ETH Zürich und der EPFL? Im «Bericht der Kommission zum Status der Professorinnen an der EPFL» [5] aus dem Jahr 2020 äusserten sich alle befragten Frauen zu «dem Gefühl der Isolation, das sich aus der Minderheitssituation ergibt». Die meisten Befragten kritisierten die Beschwerdeverfahren als «eine Quelle von übermässigem Stress und möglicherweise geschlechtsspezifischer Voreingenommenheit, da der Anteil der betroffenen Frauen viel höher ist als derjenige der Professorinnen an der EPFL». Das heisst, dass Professorinnen im Vergleich zu Professoren überproportional häufig Gegenstand von Untersuchungen waren.  Obwohl an der ETH Zürich im November 2021 eine ähnliche Kommission eingesetzt wurde, ist ihr Bericht noch ausstehend.[6]

 

Das ETH-Professorinnenforum (WPF)[7] hat in zahlreichen Gesprächen mit der Leitung der ETH Zürich, der EPFL und dem ETH-Rat auf die Problematik der Beschwerdeverfahren hingewiesen.[8] Insbesondere hat das WPF betont, dass sichergestellt werden muss, dass die Verfahren bereits während ihrer Durchführung und nicht erst nach ihrem Abschluss korrekt durchgeführt werden. Ein vom ETH-Rat in Auftrag gegebener unabhängiger Bericht kam zum Schluss: «Hingegen hat sich die ETH Zürich in den letzten Jahren bei der Durchführung von Vorprüfungsverfahren nicht immer an ihre Verfahrensordnung gehalten[9]

 

Probleme mit dem Arbeitsumfeld betreffen sowohl Studentinnen und Doktorandinnen als auch Professorinnen. Dies geht aus einem offenen Brief der Gruppe «Frauen in den Naturwissenschaften an der ETH» (WiNS)[10] sowie aus Bedenken hervor, die bei einem Treffen zwischen Doktorandinnen und Mitgliedern der ETH-Schulleitung geäussert wurden.[11]

 

Für die kommende Zwischenevaluation im März 2023 muss der ETH-Bereich auf die Empfehlungen von 2019 reagieren. Ob die Expertenkommission 2023 die Fortschritte seit 2019 genau beurteilen kann, hängt davon ab, wie transparent der ETH-Bereich gegenüber der Expertenkommission zu sein bereit ist und ob die Kommission bereit ist, hinter die Oberfläche der gemeldeten Statistiken zu blicken. Mehr Transparenz und ein unabhängiges Monitoring würden es dem Expert:innenausschuss ermöglichen, seine Aufgabe zu erfüllen. Letztlich können die Ausschüsse aber nur Empfehlungen abgeben. Es liegt an der Führung des ETH-Bereichs, sinnvolle Veränderungen innerhalb der Institutionen herbeizuführen.


Janet Hering ist emeritierte Direktorin der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag), emeritierte Professorin für Umweltbiogeochemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) und emeritierte Professorin für Umweltchemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Sie ist ehemalige Vorsitzende des ETH Professorinnen Forums.


Dieser Artikel gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder und spiegelt nicht unbedingt die Position einer Institution oder Gruppe wider, mit der sie verbunden ist.   

 

[2] Der Bericht ist erhältlich unter: https://ethrat.ch/de/news-berichte/geschaftsbericht/

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